Tagesklinik '16

„Alte und neue Gesichter.“Tagesklinik – Tag 1

„Manchmal beginnt ein neuer Weg nicht damit, neues zu entdecken, sondern damit, altbekanntes mit ganz anderen Augen zu sehen .“

Am heutigen Montag um 8:45 Uhr wurde ich in die Kieler Tagesklinik aufgenommen. Fast genau ein Jahr nach meinem ersten Besuch, den ich mit vielen negativen Gedanken und vor allem mit verpassten Chancen in Verbindung bringe. Das ganze Wochenende schwirrten dementsprechend alle meine Gedanken um den bevorstehenden Klinikalltag und meine Ziele für die kommenden Wochen. Diesmal wollte ich alles besser machen. Die Zeit besser nutzen. Dementsprechend unter Strom stand ich also das ganze Wochenende und hatte zum einen eine riesige Portion Angst als auch Vorfreude im Herzen, wenn ich an den Startschuss der Therapie dachte.

Am Sonntag hatte ich einen Mitpatienten von vor einem Jahr angeschrieben, wie es ihm denn jetzt wohl geht und dabei kam heraus, dass er gerade erst seinen letzten Tag in der Klinik hatte. Ich würde also seinen Platz übernehmen, nicht nur sprichwörtlich, ich sitze nun am Gruppentisch tatsächlich an seinem alten Platz. Netterweise machte er mir dann gleich noch das Angebot mich Montag morgens zu begleiten und der Gruppe vorzustellen, die wirklich besonders nett sei, wie er immer wieder betonte. Die erste Angst war damit schon einmal gebannt und so wurde ich heute morgen um 8:40 Uhr nett in Empfang genommen und kannte noch vor meiner offiziellen Aufnahme einige meiner Gruppemitglieder beim Namen. Fünf Minuten später meldete ich mich im Präsenzbüro dann auch offiziell mit meiner Einweisung und Krankenkassenkarte an. Ich war wieder der Gruppe B zugeteilt worden und auch meine Bezugsperson sowie Therapeutin sind identisch zum letzten Aufenthalt. Das hat mir schon ein gutes Stück Sicherheit gegeben. Im Aufenthaltsraum suchte ich mir dann meinen Platz und es wurde sich ein wenig unterhalten, während ich meinen Wochenplan studierte und meinen Patientenvertrag ausfüllte. Diesmal habe ich ihn bereits am ersten Tag fertig ausgefüllt und werde ihn morgen gleich abgeben. Letztes Jahr habe ich das erst am Entlassungstag getan^^

Zur Frühstückszeit war an unserem Tisch noch nicht viel los und so verbrachte ich die halbe Stunde bis zur Visite wieder draußen mit dem alten Mitpatienten. Die Visite an sich verlief bei mir sehr kurz: „Hallo, ein neues und doch altes Gesicht.“ Hi. „Medikamente?“ Nein. „Okay, dann wünschen wir Ihnen einen schönen Aufenthalt.“ Ob schön nun der passende Ausdruck für einen optimalen Therapieverlauf darstellt, frage ich mich als ich die Tür hinter mir schließe und mich wieder zu den anderen Gruppenmitgliedern setze. Lehrreich oder erkenntnisreich wären da meiner Ansicht nach sinnvollere Umschreibungen gewesen, aber gut. In der Gruppe selbst fühlte ich mich relativ entspannt und konnte sogar recht unverkrampft ein paar Kommentare abgeben. Eine Mitpatientin hielt mich anfangs wohl für eine neue Praktikantin oder Ärztin, muss wohl an der höchst kompetent-wirkenden Brille liegen. „Nein, ich bin genauso irre wie ihr.“ Ich glaube, in dieser Gruppe könnte ich mich wohlfühlen. Ich hatte es mir jedenfalls schlimmer vorgestellt. Im letzten Jahr habe ich den ersten Tag kaum ein Wort raus bekommen und mich bei jeder Gelegenheit hinter einem Buch versteckt. Hier aber wollte ich gar nicht erst flüchten.

Nach der Visite war eine ganze Zeit Leerlauf angesagt. Die anschließende Bezugsgruppe sollte erst um 11 Uhr starten und so saßen einige am Gruppentisch im Aufenthaltsraum während andere auf einer Couch ein Buch oder eine Zeitung lasen und wieder andere waren draußen im Garten und genossen entweder das schöne Wetter oder ein paar Züge ihrer Zigarette. Ich selbst saß am Tisch und habe mich ein wenig in die laufenden Gespräche eingeklinkt und nebenher versucht mein Buch zu lesen. Beides war dann aber doch schwer zu vereinbaren und so wanderte der Wälzer nach kurzer Zeit doch wieder zurück in meine Tasche. Mit jeder verstrichenen Minute merkte ich wie meine innere Unruhe zunahm: Gleich würde ich im Sockenraum sitzen und etwas sagen müssen. Vor allen anderen. Über mich. Ich merkte, wie ich am Tisch stiller wurde und mich wieder fast ausschließlich in meinem eigenen Kopf aufhielt, der voller Ängste und Horrorszenarien kaum Platz für beruhigende Worte zu lies. Der innere Druck wurde immer höher und machte sich schnell in Form von Magenkrämpfen, Übelkeit und Kopfschmerzen bemerkbar. Um 11 Uhr sass ich dann schließlich auf einem Stuhl im Sockenraum, zusammen mit fünf Mitpatienten und unserer Bezugsperson. „Du musst etwas sagen. Diesmal sollte es doch anders werden. Wenn du nicht sprichst kann sich auch nichts ändern. Ich habe nichts zu sagen. Zumindest nichts interessantes. Ich stottere bestimmt. Ich will hier weg!“ Den Erzählungen der anderen hörte ich nur mit halben Ohr zu. Eigentlich konzentrierte ich mich nur darauf in ihrer Körpersprache und Erzählweise zu erkennen, wann sie zum Ende kommen würden und somit der nächste an der Reihe war. Das könnte schliesslich ich sein. Als allerletzte war es dann auch wirklich soweit und mein Name schwebte erwartungsvoll im Raum herum. Tief Luft hole und los geht es. Ich habe von meinem Wochenende erzählt, wie ich mit dem Druck und den vielen Erwartungen an mich und diesen Aufenthalt umgegangen bin und was ich alles zur Ablenkung betrieben habe. Ein riesen Text, heruntergerattert in ein paar Sekunden. „So und jetzt nochmal zum Mitschreiben und in Ruhe. Das ist ja so eine Menge. Da brauch ich ja ein Buch für.“ Super. nun kann ich nicht mal mehr ruhig ein paar Banalitäten von meinem Wochenende erzählen. Ich fühlte mich wirklich schlecht und machte mir selbst riesige Vorwürfe. Das äußerte ich natürlich nicht vor der Gruppe, sondern brachte nur ein paar stammelige „Sorry, sorry.“s hervor. Damit endete dann auch die Bezugsgruppe und ich flüchtete so schnell es geht aus dem Raum.

Beim anschließenden Mittagessen, Leberkäse mit Kartoffelpü, habe ich dann auch keinen Bissen runterbekommen. Mein Bauch verkrampfte sich immer noch und der Gedanke vor den anderen Patienten zu essen war mir mit zu vielen möglichen Fettnäpfchen verbunden. Meine Sitznachbarin bot mir netterweise sogar ein paar ihrer mitgebrachten Snacks mit als sie meinen leeren Teller sah, aber auch das habe ich dankend abgelehnt. Aber lieb war diese Geste von ihr allemal. Nach dem Essen war für die meisten der Gruppe der Tag bereits beendet; für mich und einen anderen Neuankömmling hiess es allerdings noch abwarten. Um 15 Uhr stand mein Aufnahmegespräch mit meiner Therapeutin und der Bezugsperson an und im Anschluss sollte noch eine erste ärztliche Untersuchung stattfinden. Die Wartezeit verbrachten wir mit ein paar anderen im großen Garten der Klinik. Anfangs waren wir noch eine recht große Gesprächsgruppe, die sich allerdings nach und nach auflöste und je weniger Menschen wir wurden, desto lockerer wurde ich und beteilte mich auch wieder etwas mehr und vor allem lockerer am Gespräch. Ich mache mir einfach immer viel zu viele Gedanken, was andere von mir denken und habe ständig Angst negativ aufzufallen. Deshalb bin ich am liebsten unsichtbar und lausche nur still und heimlich den anderen bei ihren Erzählungen..

Um 15 Uhr hatte ich dann endlich mein Einzelgespräch. Da ich mir vorher schon recht genau überlegt hatte, was ich über das vergangene Jahr erzählen und auch in Bezug auf meine Familie berichten wollte schossen die Worte nur so aus mir heraus. Auch hier spürte ich den bekannten Druck, sobald die Aufmerksamkeit bei mir liegt, aber es war nicht so schlimm wie vorher in der Gruppe. „Und jetzt: Atmen!“ Schnell waren wir bei meinem inneren Druck als Thema angekommen und ich erzählte von meinen Ängsten nichts ‚Gutes‘ erzählen zu können, mich zu verhaspeln, wirr zu sprechen und und und. „Bei Ihnen kommt alles wie aus Pistole geschossen. Sie denken so schnell und sie drücken sich wirklich gut aus. Aber das wissen sie eigentlich auch, sie lassen es nur nicht an sich heran. Oder spielen es dann herunter.“ Mh.. Volltreffer. Wir verblieben mit der Abmachung, dass ich in den Gruppenstunden als eine der ersten dran genommen werde, um den vorhandenen Druck möglichst schnell von mir zu lösen. Ich bin gespannt, wie ich damit zurecht komme, finde die Idee aber eigentlich sehr gut. Ansonsten ist mein Hauptziel der nächsten Wochen meine Selbstdestruktion aufzuhalten, also nicht mehr so aktiv gegen mich selbst zu arbeiten und gutes zulassen und mir erlauben zu können. „Ich bin nichts wert. Jedenfalls nichts gutes.“ ist bisher meine innere Wahrheit gewesen und der Hauptgrund, warum ich immer wieder an Sackgassen in meinem Leben ankomme. Ich habe ehrlich noch keine Vorstellung, wie ich diese Aussage ändern kann, aber ich bin froh, dass ich gleich im ersten Gespräch so offen ausdrücken konnte, was ich ändern möchte.

Die ärztliche Untersuchung fiel dann doch recht sparsam aus. Das obligatorische „Finger auf Nasenspitze und einmal die Linie lang gehen“ wurde mir erspart, da ich ja vor nicht all zu langer Zeit beide Tests unauffällig gemeistert hatte. Mein Blutdruck und Puls waren im Normbereich und auch mein Gewicht passt zu meiner Körpergröße: 160 cm klein und 52,5 kg schwer. Mit diesen Werten wurde ich in den Nachmittag entlassen und ich fuhr mit dem Bus zu meiner Mutter und natürlich auch zu Summer (: Die hat mich allerdings eiskalt ignoriert als ich zur Tür rein kam. Sie kam zwar zur Tür und hat mich auch kurz mit ihrer Schnauze am Bein berührt, aber legte sich dann gleich wieder auf ihre Decke ab. Meine Mutter war dann doch etwas emotionaler (:

Gegen 18 Uhr hatte meine heimische Couch mich dann auch endlich wieder und nach zwei Telefonaten mit neugierigen und unterstützenden Freundinnen endet nun auch dieser zweite erste Tag in der Tagesklinik. Ich bin gespannt, wie es morgen weiter geht. Und um diesen Zustand bin ich ehrlich gesagt ziemlich froh. Letztes Jahr wollte ich bereits nach dem ersten Tag alles hinschmeissen und ging abends mit große Bauchschmerzen ins Bett.

Also auf ein Neues (:

 

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4 Kommentare zu „„Alte und neue Gesichter.“Tagesklinik – Tag 1

  1. Ich muss ehrlich sagen ich war gerade ganz überrascht als ich Tagesklinik Tag 1 in der Überschrift gelesen habe. Ich lese immer im Reader von WordPress und habe da meine Lieblingsblogs…unter anderem auch von Hundetage und Hundstage die ja derzeit bei Tag 20 ihres Aufenthaltes angelangt ist. Einen Moment hat es gedauert bevor ich realisiert hatte dass es gar nicht der gleiche Blog ist. Peinlich…aber jetzt weiß ich es.
    Ich entschuldige mich also jetzt schon mal im Vorraus falls ich das noch öfter durcheinander werfe.

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  2. Wuhu… oh ich freu mich für dich,dass du nicht den Mut verloren hast und dich auf die nächsten tage freust….
    Ich stell mir diesen Weg mega schwer vor… ich selber habe sehr grosse angst mich mit einem Psychologen oder in einer Psychotherapie mit meinem Inneren auseinander zusetzen und sträube mich da sehr vor diesen Weg zu gehen. …
    Ich finde es sehr stark wie offen du über deine Gefühle sprichst und wie es in deinem Inneren aussieht. ..
    Ich freue mich auf die weiteren Beiträge…

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  3. „Innere Wahrheit“ ist irgendwie ein schönes Wort, also zumindestens eins was gut beschreibt, nachdem ich schon lange gesucht habe. Ich glaube du weißt gar nicht was deine Worte anderen bedeuten, es ist unglaublich interessant solche Einträge zu lesen, wie ich finde. Mach weiter so, ich wünsche dir ganz, ganz viel Kraft!

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