Allgemein · Gedankenpottpurri

Anders als in der Realität

Sonnenlicht schimmert durch die verdreckten Fenster, lässt das Chaos im Wohnungsinneren in vielen bunten Farben reflektieren. Hier wurde schon eine ganze Weile nicht mehr der Besen geschwungen und die Pfandflaschen, in einem Energieschub gewissenhaft in einer IKEA-Tasche gestapelt, haben bereits Staub angesetzt. In einem Buch hat die Protagonistin ihre Wohnung mal als ihre eigene Insel aus Müll bezeichnet, dem kann ich mich momentan nur anschließen. Sowohl emotional als auch materiell.

Es ist kurz vor 12 Uhr und ich muss endlich von dieser Couch hochkommen. Summer war zwar irgentwann in der Nacht noch einmal vor der Tür, aber die Mittagsstunde ist mein persönliches Ultimatum, um die Maus von ihrem Deckenplatz zu erlösen. Also geht es wenig später, nach einer kurzen Katzenwäsche, los zur Gassirunde. Zu viele Menschen sind hier draußen, zu hell scheint die Sonne, zu dünn und kurz müssen die Kleidungsstücke ausfallen, um nicht auf der Stelle zu einer Schweißpfütze zu kondensieren. Ich fühle mich unwohl und will flüchten, am besten querfeldein durch den Wald wandern, um ja niemandem zu begegnen, aber durch die Schon- und Setzzeit ist das mit gutem Gewissen schlichtweg unmöglich und so wandert der Blick starr zum Boden, die Schultern drehen sich in Körperrichtung, um so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten: Ich bin gar nicht hier!  Überseht mich bitte einfach!

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Leider klappt das natürlich nicht. Zum einen trifft man auf engeren Wegen dann doch den einen oder anderen wanderfreudigen Hundehalter, der natürlich nichts von den eigenen Gedanken weiß und freudig ein Gespräch beginnt. Meist stelle ich mich dem auch so gut ich kann, negativ auffallen in dem man einfach unhöflich weiter geht wäre ja noch schlimmer. Das ein oder andere Mal wurde der Hund allerdings als Fluchtmöglichkeit missbraucht und spontan für läufig erklärt. Bei meinen Freunden kann ich mittlerweile ehrlich über die Hintergründe einer abgesagten Verabredung sprechen und denke mir keine wahnwitzigen Ausreden mehr aus. Naja, man kann ja auch nicht ständig die Treppe herunter fallen und obwohl meine Mutter schon älter ist, ist sie eben auch nicht jede Woche dreimal so krank, dass ich mich um sie kümmern muss. Ich würde ja gerne sagen, dass ich meinen Freunden mit der Zeit einfach so viel Vertrauen entgegenbringe, dass die Wahrheit einfacher über die Lippen kommt als eine Lüge, aber wenn ich ehrlich bin, kamen mir selbst die vielen unvorhergesehenen Ereignisse zu unrealistisch vor. Und so bleibt mir notgedrungen nur die Wahrheit. Ich ertappe mich auch jetzt noch dabei, wie ich mir stundenlang eine Geschichte zusammen reime, wenn eine Verabredung ansteht, für die ich mich nicht gewappnet fühle. Am Ende steht in der SMS aber dennoch: „Ich schaffe es nicht. Mein blöder Kopf. Es tut mir Leid.“ Zumindest eine kleine positive Entwicklung der letzten Monate.

Was bei den Freunden bereits klappt ist bei Fremden draußen natürlich undenkbar. „Entschuldigen Sie, ich habe so viel im Kopf. Sie sind mir gerade einfach zu viel. Schönen Tag noch.“ Das würde wohl jeder Mensch nur schwer über die Lippen bekommen. Besonders hilflos fühle ich mich momentan, wenn ich Männern draußen begegne. Mein Kopf geht automatisch auf Bodenerkundungskurs, sobald sich eine Person in mein Sichtfeld begibt, aber einige menschliche Exemplare sind dann doch sehr präsent. Wahrscheinlich ist es nur meine eigene verschobene Wahrnehmung, aber diese starrenden Blicke sind einfach schwer zu ertragen. Meist beschleunige ich unbewusst mein Schritttempo und stolpere dann häufig über meine eigenen Füße und Unsicherheit. Bravo, du wurdest angestarrt, weil du hier wie ein Alien herumrennst und nun kannst du nicht einmal einen Schritt vor den anderen setzen. Beam me up, Scotty – ach ne, dafür müsste ich ja wirklich ein Alien sein..!

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Eigentlich kann ich mich in den eigenen vier Wänden recht gut selbst beschäftigen. Lesen, nähen, Bildbearbeitung, schreiben – ich bin da recht offen. In den letzten Tagen und war das anders. Statt mein angefangenes Buch endlich einmal zu Ende zu lesen, weil es wirklich spannend ist und mich der Ausgang der Geschichte wirklich interessiert, verbringe ich den gesamten Tag, oder was nach dem Aufstehen eben noch davon über ist, auf der Couch und surfe durch das Internet. Oder eher gesagt: Ich schaue Videos und Folgen meiner Lieblingsserien. Supernatural und Game of Thrones kann ich auf english inzwischen mitsprechen. Für mich sind diese Geschichten eine Art der Zuflucht in der ich mich komplett verlieren kann. Meist suche ich mir dann phasenweise einen bestimmten Charakter heraus und versuche wirklich jedes kleinste Detail über dessen Geschichte zu recherchieren. Bei GoT allein durch die Bücher schon eine recht umfangreiche Beschäftigung. Nach einigen Tagen ist dann aber auch wirklich jeder Artikel dreimal durchgelesen, jedes Video zig Mal angeklickt und dann nimmt man sich den Schauspieler dieser fiktiven Figur vor und plötzlich sitzt man vor dem Laptop und schaut sich eine englische Serie an, in der ein Mann mit einer Mausmakse herumrennt und am Ende eine ganze Armee von Rotköpfen einen Mann umbringen will, der sich schließlich mit einem Sturz aus dem ersten Stock umbringt „I guess he landed wrong.“

Natürlich verbessere ich durch diese Aktionen meine Englischkenntnisse und mein Serien- und Filmwissen wächst so auch an, aber wirkliche Sinnhaftigkeit lässt sich in meiner Tagesbeschäftigung dann doch nicht finden. Es ist schlichtweg eine Flucht vor meinen eigenen Gedanken und meinen Ängsten. Momentan hält es mich zudem vom Schlafen ab, denn das versuche ich in den letzten Tagen so gut es geht zu vermeiden. Meine Vergangenheit meldet sich in Form von Träumen wieder vermehrt zu Wort.

Schritte auf der Treppe. Sie kommt.
Ist die Zimmertür abgeschlossen? Ich kontrolliere lieber noch einmal. Das bestimmt fünfte Mal heute. Verschlossen. Gut.

„Ich kriege dich heute.“

Sie kommt hier nicht rein. Das schafft sie nicht. Ich bin hier sicher. 

„Komm raus, du Dreckskind. Du hast es doch verdient.“

Die Türklinke neigt sich. Von außen wird gegen die Tür geschlagen.
Sie kann hier nicht hinein. Ich sitze auf meinem Bett und warte einfach ab.

„Ich stech‘ dich ab. Immer wieder mit meinem Messer. Nur das hast du verdient. Ich stech‘ dich ab wie ein Schwein.“

Die Tür rüttelt. Etwas metallisches schlägt von außen dagegen. Das Küchenmesser.
Aber sie kann hier nicht rein. Es geht vorbei. 

„Komm‘ raus! Ich will dich abstechen! Und deinen Vater auch. Ich stech‘ euch alle ab!“

Ein lauter Rumps. Sie schmeisst sich gegen die Tür. Ich gehe zum Fenster und öffne es. Setze mich auf die Fensterbank. Erster Stock, unter mir die gepflasterte Hofauffahrt. Sie kann hier nicht rein. Falls doch, kann ich springen. Zu Rona rennen oder zu Papa. Ob mir da wer aufmachen wird?  Aber sie kommt hier eh nicht rein.

„Ich stech‘ dich ab. Ich stech‘ euch alle ab!“

Geh‘ doch bitte einfach ins Bett. Jede Nacht dasselbe. Seit Wochen. Manchmal wünschte ich, sie würde es durch die Tür schaffen. Ob ich dann wirklich durch das Fenster fliehen würde? Ich will nur, dass es endet.. egal wie.

In meinem Traum schafft es meine Mutter durch die Tür.
Anders als in der Realität. 

Und entweder das Küchenmesser dringt in meinen Körper ein, bevor ich aus dem Traum erwache oder ich überwältige sie und nehme das Messer selbst an mich. Dann sterbe nicht ich kurz vor dem Aufwachen, sondern bin zum Täter geworden. Aus diesen Träumen aufgeschreckt, umgeben von Nichts als Dunkelheit weiß ich ehrlich gesagt die ersten Minuten nicht, was nu Realität ist. Meist kommt Summer nach einigen Minuten verschlafen angetrabt und zeigt mir durch ihre Anwesenheit, dass all das nur ein Traum war. Also, zumindest das Ende.

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Die oben geschilderten Ereignisse fanden 2,5 Monate fast jede Nacht statt. Meine Mutter hatte damals Beruhigung- und Schlafmittel von ihrem Hausarzt verschrieben bekommen und seit sie dieses Pillen einnahm, wanderte sie nachts durch unsere Wohnung. Ihr Zustand war ohne die Tabletten auch nicht unbedingt gut gewesen, aber solche Verhaltensweisen hat sie zuvor nicht gezeigt. In diesen 2,5 Monaten hat sie mich auch die Treppen hinunter gestoßen und es sind einige andere unschöne Dinge geschehen. An keines dieser Ereignisse kann sie sich nach eigenen Angaben mehr erinnern. Wahrscheinlich kommt mein Missmut Tabletten gegenüber auch von dieser Erfahrung.

Aufgrund meiner Träume fiel  es mir in letzter Zeit schwer mit meiner Mutter Kontakt zu haben. Warum hat sie überhaupt noch Kontakt zu dieser Frau? mögen sich einige sicher fragen und der Einwand ist wohl mehr als berechtigt. Die Vergangenheit zwischen meiner Mutter und mir hat einige sehr, sehr dunkle Kapitel und ich hatte Lebensphasen in denen ich keinen Kontakt mehr zu ihr wollte. Ich selbst glaube allerdings in zweite Chancen und ich weiß, dass das Leben meiner Mutter selbst sehr oft übel mit gespielt hat. Ihre erste Ehe war von Gewalt auf allen Ebenen geprägt und ihre Psyche hat irgentwann nicht mehr mit gespielt. Unter Stress, und die Scheidung meiner Eltern war der reinste Psychoterror von allen Parteien ausgehend, klickt einfach etwas aus. Das ist natürlich unverzeihlich und gehört eigentlich unter Behandlung, aber jetzt, wo ihr Leben geregelter und stressärmer abläuft, ist sie eine herzensgute Person, die sich für mich einen Arm ausreissen würde. Sie unterstützt mich so sie nur kann und ich habe ihr verziehen. Ich möchte nicht ohne meine Mutter sein und ihr für damals ständig Vorwürfe zu machen, würde weder ihr noch mir helfen.

Nur diese Alpträume muss ich noch in den Griff bekommen.

Heute kam der ersehnte Anruf aus der Tagesklinik: Ab dem 20. Juni beginnt mein 6 wöchiger Aufenthalt. Ich freue mich und merke erst jetzt, 4 Stunden nach dem Anruf, mit wie viel Anspannung ich diese Nachricht erwartet habe.  Gerade fühle ich mich wie erschlagen und möchte nur noch schlafen, vielleicht riskiere ich es heute einmal frühzeitiger ins Bett zu gehen.

Hier einmal eines meiner meist gespielten Videos der letzten Tage. Ein bisschen Humor bewirkt ja angeblich Wunder und schwarzer Humor passt ja eigentlich perfekt zu mir (:

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3 Kommentare zu „Anders als in der Realität

  1. Kann ich total nach empfinden. Wie geht es Summer denn an solchen Tagen? Jetzt im Sommer sind die Hunde ja eh nicht so aktiv, wenn es so warm ist. Ich konnte mich heute morgen auch nicht aufraffen, danach war es dann zu spät. Ich habe leider nur einige „Time Slots“ an denen ich raus kann, weil es dann nicht so voll ist. Setzt mich immer zusätzlich unter Druck. Du kannst sehr sehr schön schreiben. Bin sehr gespannt auf deinen Bericht aus der Tagesklinik, ich habe meinen vorstationären Termin auch bald. Liebe Grüße, Iris

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    1. Wann geht es bei dir los?

      Summer ist bei dem Wetter eh viel am Schlafen. Das wir derzeit dann eher nachts rausgehen scheint sie nicht so wirklich zu stören. Gestern war ich mit einer Freundin einige Stunden am Strand, da konnte sie sich auch auspowern. Ich hab sie jedenfalls schon unausgelasteter erlebt^^

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      1. Im September hoffe ich. Ich muss für Polly noch eine Betreuung finden wo ich sicher bin dass es ihr gut geht. Nachts rausgehen ist toll! Wenn alles so leise und leer ist , haben wir auch schon gemacht 🙂

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