Allgemein · Gedankenpottpurri

Es tut mir Leid, aber ihr seid alle irgendwie zu glücklich für mich.

„Wir suchen gerade nach einem passenden Haus zum Kauf.“
„Ja, wir hoffen schnellstmöglich auf ein Kind.“
„Wir wollen heiraten.“
„Wir sind gerade zusammen gezogen.“


– meine Freunde

Also ich bin heute aufgestanden. 3 Stunden nach dem Weckruf. Spiegel konnte ich heute nicht ertragen, daher folgte eine Sparwaschversion und die Haare wurden unter einer Mütze versteckt. Ich mag Mützen. Das spart Zeit und Energie.Danach habe ich meinen Hund ausgeführt. Ganze 10 Minuten lang. Einmal um den Block und wieder zurück. Die nächsten 4 Stunden saß ich auf der Couch. Die Winterjacke, Mütze und Schuhe blieben an. ich muss doch eh wieder mit dem Hund raus. Ausziehen gleicht Energieverschwendung. Und Energie ist hier Mangelware. Mein Magen knurrt. Achja, es ist bald 14 Uhr und ich habe noch gar nichts gegessen. Getrunken auch nicht. Ich tue ja nichts, wofür also essen? Außerdem habe ich derzeit wahrscheinlich eh kein sauberes Geschirr. Diese Woche stand Wäsche waschen an. Eigentlich sollte man ja beides hinkriegen. Sollte. Tue ich aber meistens nicht. Und so lebe ich immer im Wechsel aus sauberer Kleidung und reinem Geschirr. Sieht hier ja eh niemand. Nur Summers Decken sind stets sauber und Caseys Toilette und ihre Schlafplätze natürlich auch. Die hatten ja keine Wahl als ich sie damals ausgesucht habe, da muss ich mich also drum kümmern. Man sollte meinen, wenn die Energie für die Tiere da ist, ist sie es auch für mich. Aber nope. Äußere Verwahrlosung passt mehr zu meinem Seelenbild. Oder irgenwie sowas. Abends wird Summer noch einmal vor die Tür gelassen und weil ich Mitleid habe, ein bisschen Ball gespielt. Wieder in der Wohnung hat die Couch mich wieder. Momentan schlafe ich sogar auf ihr. Kürzere Wege. Und sie ist nicht so breit, da fällt es nicht auf, dass man hier alleine liegt. Schon immer lag. Es wohl immer wird. Bis weit nach Mitternacht ist das Leuchten des Netbooks die einzige Lichtquelle im Raum und nachdem mindestens 6 Folgen irgendeiner Serie, die ich natürlich bereits kenne, über den Bildschirm geflimmert sind, versuche ich zu schlafen. Auf einen neuen Tag. Vielleicht wasche ich da ja ab. Oder gehe länger Spazieren. Mein Leben hat echt Inhalt. Beeindruckend.

Ich liebe meine Freunde. Es sind nicht viele, aber gute. Bis auf eine Ausnahme kennen wir uns bereits seit über 15 Jahren. Sie wissen von meiner Krankheit und gehen damit wirklich großartig um. Aber trotzdem habe ich in den letzten Monaten einfach das Gefühl, nicht mehr mit zu kommen. Häuser, Hochzeiten, Beförderungen, Kinder. Wir sind Jahrgang ’88 und ’89. Ich weiß, dass diese Dinge ganz normal sind. Der Lauf der Zeit eben. Ich hatte früher schließlich selbst diese utopische Vorstellung: Hochzeit mit 27, erstes Kind mit 29. Abitur, Studium, Berufsalltag. Bis heute bin ich noch nicht einmal neben einer anderen Person in einem Bett eingeschlafen. Hochzeiten oder gar Kinder sind für mich seit Jahren so weit entfernt wie ein neuseeländischer Kiwi. Da wollte ich ja auch noch hinreisen. Verdammt! Und weil ich weiß, dass es für meine Freunde wichtige Themen sind, frage ich immer wieder nach. Zeige Interesse an Lebensweisen, die ich nicht mehr verstehen kann. Nicht mehr nachfühlen kann. Mein Leben zieht an mir vorbei und ich fühle mich manchmal als wäre ich noch immer in meiner 15 jährigen Haut gefangen. Oder eher stehengeblieben. So viele Bausteine, die meine Freunde über die Jahre gesammelt haben, um ihr erwachsenes Selbst zu erbauen, fehlen mir einfach. Ausbildung, Führerschein, Beziehungen, Sex, Berufsalltag. All das habe ich nicht. Oder nur zu Bruchteilen. Und so sitze ich hier mit meinen 27 Jahren und habe das Gefühl, dass mein 16 jähriger Neffe mehr vom Leben gesehen hat als ich. Und ich weiß nicht wirklich, wie ich da raus komme. Ich war immer alleine. Das ist alles was ich kenne.
Aber dafür ist wohl die Therapie da. Man kann ja nicht alles selbst wissen..

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Gestern stand ich im Haus meiner besten Freundin. Und ich komme nicht umher mich zu fragen, ob ich so etwas schönes jemals erreichen werde. Ein Haus, einen Mann, einen Job. Ich bin so schrecklich eifersüchtig auf die Leben meiner Freunde. Auch wenn ich weiß, dass auch bei ihnen längst nicht alles perfekt läuft. Und auch sie ihre Päckchen zu tragen haben und sowieso allesamt hart an ihrem jetzigen Glück gearbeitet haben. Aber wenn ich sie alle sehe, sehe ich so viel Leben. Zukunftspläne, die nicht aus der Luft gegriffen scheinen, sondern so realisierbar sind. Die Bausteine liegen alle bereit, oft ist Zeit die einzig fehlende Zutat. Und das tut weh. Ich will das auch und ich bin ja bereit zu kämpfen. Tue es doch schon so viele Jahre, aber offenbar irgendwie.. falsch. Und dieses Selbstmitleid macht es wohl auch nicht besser.

Am Dienstag war ich für mein Erstgespräch in der Tagesklinik und anschließend wurde ich auf die Warteliste aufgenommen. Nun heißt es auf den Anruf warten, um zu starten. In dieser Zeit soll ich mir eine Liste mit Themen schreiben, die ich gerne in den Gruppen- bzw Einzelsitzungen ansprechen möchte. „Nicht mehr eifersüchtig auf das Leben meiner Freunde sein, sondern selbst etwas aufbauen“ bekommt wohl einen der oberen Listenplätze..

 

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Ein Kommentar zu „Es tut mir Leid, aber ihr seid alle irgendwie zu glücklich für mich.

  1. Ich kann das ziemlich gut verstehen weil das in meinem Umfeld auch so ist, nur ein paar Jahre länger…an mir zieht das alles vorbei, und rundherum kommt ein Kind nach dem anderen…inzwischen auch bei den jüngeren. Ich hab auch manchmal den Eindruck das das Leben an mir vorbei rauscht. Irgendwie fühlt sich das oft an wie etwas falsch gemacht zu haben… aber es gab und gibt halt auch schon immer andere Leben. Man erlebt nicht nur anderes, sondern erfährt auch anders, das ist manchmal auch ganz spannend und ziemlich interessant. Meistens zieht es einen doch runter wenn man so an die anderen denkt, oder? ich wünsch Dir viel Glück für die Klinik. Und sag mal hast Du Dich mal mit dem Thema Kriegsenkel beschäftigt? manchmal tragen Wir die Päckchen die nicht unsere sind, wir haben Sie aber quasi per Geburt mitbekommen. Alles Liebe

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