Allgemein · Gedankenpottpurri

Für die Hoffnung.

Ich sitze hier auf einer grünen Wiese und starre in den Himmel hinauf. Seit nun fast 20 Minuten. Vor mir steht mein Netbook und alle paar Sekunden zucken meine Finger Richtung Tastatur, nur um dann doch wieder kraftlos neben meinen Körper zu fallen. Wortfetzen fliegen in meinem Inneren hin- und her, aber immer wenn ich sie einfangen und zu ordnen versuche, fehlt mir die Kraft. Der richtige Beginn. Die besondere Formulierung die Sinn ergibt und richtig klingt. Dabei will ich über etwas schreiben, was weder richtig ist oder es jemals sein wird. Und Sinnhaftigkeit wird man darin wohl auch niemals finden können..

Der Himmel ist wolkenfrei und strahlend blau. Ich glaube nicht an einen allmächtigen Gott, der unsere Leben überwacht und bei Bedarf eingreifen kann. Ich glaube noch nicht einmal an ein Leben nach dem Tod, aber gerade starre ich in diesen endlos erscheinenden Himmel hinauf und hoffe einfach aus tiefster Seele und meinem ganzen Herzen, dass es dort oben oder irgendwo anders einen Ort für alle Menschen gibt, die diese Erde, dieses Leben verlassen mussten, weil sie hier keine Hoffnung mehr finden konnten. An diesem sonnigen Donnerstag wünsche ich mir nichts sehnlicher als das es irgendwo einen Ort für alle jene gibt, denen eine heimtückische Krankheit alle Kraft und Zuversicht genommen hat. Und an diesem Tag bete ich, dass dieses irdische Leben eben nicht alles ist, was wir erleben können. Das es nur eine Vorstufe zu etwas Wunderbareren ist und das all die jenigen, die vor ihrer Zeit dort ankommen, mit nichts als Glückseeligkeit überschüttet werden. Dass sie dort all das finden und erhalten, was in diesem Leben zu einer endlosen und vergebenen Suche geworden ist. Ohne Grenzen, ohne Bedingungen. Und ich hoffe, dass sie dort ihr Lachen wiedergefunden hat und es nie wieder gegen eine Maske eintauschen muss, um all den Schmerz und die Angst zu überspielen. Ein ehrliches, echtes Lachen, welches ich so gerne, wenn gleich viel zu selten, während den gemeinsamen Tagen in der Tagesklinik gehört habe.

Depressionen sind keine leichten Verstimmungen. Es ist kein seelischer Schnupfen, der mit ein paar Medikamenten wieder auskuriert ist und alles ist wieder in Ordnung. Nein, Depressionen sind eine Krankheit. Eine psychische Erkrankung, die (gemeinsam mit anderen psychischen Krankheiten) jährlich über 10.000 Menschen in Deutschland das Leben kostet. Weltweit sind es über eine Million. Jahr für Jahr. Und auch, wenn im Volksmund diese Art des Todes oft als Freitod bezeichnet wird, so ist an dieser Art des Sterbens ebenso wenig freiwillig als wenn jemand an einem Herzinfarkt oder einem Leberkarzinom die Reise ins Jenseits antritt. Wenn sich ein Depressiver das Leben nimmt, dann hat er den Kampf gegen eine Krankheit verloren, genau wie ein Patient mit einer Krebsdiagnose. Das heimtückische an Depressionen ist, dass sie einem jegliche Form der Hoffnung rauben und nur Raum für Angst und Schmerz lassen. Wie sonst lässt es sich erklären, dass jemand das eigene Leben beendet nur um nicht weiter mit den bekannten Gedanken und Gefühlen aufwachen zu müssen. Nichts daran geschieht freiwillig, weil die Krankheit in so einem Zustand bereit die Kontrolle übernommen hat und die eigene Psyche so manipuliert, dass man die einzige Lösung in der Flucht sieht. Der einzige Unterschied zu einem Krebstod ist, dass er so viel bittere ist, weil er hätte verhindert werden können. Ansonsten ist in beiden Fällen die Todesursache eine Krankheit, einzig die wissenschaftliche Bezeichnung variiert.

Ich fühle eine unmessbare Wut in mir. Wut darüber, dass eine Mitpatientin von mir sich umgebracht hat. Das ihr die Therapien scheinbar nicht die Hilfe bieten konnten, die sie gebraucht hätte. Wut über ihre Ärzte, dass sie ihr nicht helfen konnten. Wut auf das Leben an sich, dass diese Art des Todes überhaupt zulässig ist. Und Wut auf mich selbst, dass ich den Kontakt nach dem Klinikaufenthalt nicht gehalten habe. Das auch ich keine Hilfe für sie bieten konnte, die sie so furchtbar gebraucht hätte. Meine Hand verkrampft sich und ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht. Sie ist tot und ich weine hier um eine Person, mit der ich seit 12 Monaten keinen Kontakt mehr hatte. Wie scheinheilig sich das anfühlt. Trauere ich hier wirklich um eine Person, die ich in der Therapie kennen gelernt habe oder packt mich gerade einfach die Angst, dass auch ich an einen Punkt kommen könnte an dem keine Therapie mich mehr erreicht und die Depression gewonnen hat? Dass das eintritt, wovon ich fast jede Nacht träume und gleichzeitig eine riesige Angst besitze? Wahrscheinlich beides..

Verzweifelt versuche ich irgendetwas positives aus dieser unbeschreiblichen Leere zu ziehen, die auf die Wut und Fassungslosigkeit eines Suizides zwangsweise folgt. Es darf doch nicht einfach alles so weiter gehen wie vorher. Hier fehlt immerhin ein Mensch.

„Du bist nicht da, wo du warst.
Aber du bist überall, wo wir sind.“

Und so nehme ich mir in diesem Moment, mitten auf der Wiese und mit dem Himmel als mein Zeuge vor, nicht aufzugeben. Weiter zu kämpfen und weiter auf das Leben zuzulaufen. Egal wie weh es tut und wie dunkel es noch sein wird. Egal wie tief ich noch fallen oder wie weit ich noch laufen muss. Bis zum letzten Atemzug werde ich kämpfen. Und der wird nicht den Depressionen geschuldet sein.

Alles geben, um dieser scheiß Krankheit alle ihre Lebensgeister auszutreiben, genau wie sie es mit viel zu vielen namenlosen Opfern getan hat.

Einfach alles um dieser scheiß Krankheit zu zeigen, dass sie uns nicht alle kriegt.

Für die Hoffnung.

Für Swantje.

 

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3 Kommentare zu „Für die Hoffnung.

  1. Wundervoll und traurig zugleich..
    Du hast wieder die richtigen Worte gefunden, zu diesem wahrlich nicht leichten Thema.
    Ich fühle und kämpfe mit dir!
    Du bist nicht allein!

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  2. Es tut mir sehr leid das zu lesen. Diese Vorwürfe macht man sich irgendwie immer. Meine Oma, die einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben war, starb genau an dem Tag, als sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Und ich bin sie nicht besuchen gegangen, weil ich dachte, ich sehe sie ja eh zuhause. Das hing mir sehr lange nach. Aber das Leben ist nicht vorhersehbar, für niemanden. Ich wünsche Dir unglaublich viel Kraft, damit Du Dein Leben weiter gehen kannst. Für Deinen Hund bist Du der wichtigste Mensch im Leben, sein bester Freund. Er braucht Dich! Das darfst Du nie vergessen! 🙂

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