Allgemein · Gedankenpottpurri

Tagesklinik, mein erster Aufenthalt 2015 (Teil 1)

Der 26. April meines kleinen Taschenkalenders ist rot umkringelt und mit zwei Ausrufezeichen versehen. Um 13:30 Uhr werde ich mich in einem kleinen Raum für ein Erstgespräch mit einer Ärztin wiederfinden, um meinen Aufenthalt in einer Tagesklinik zu besprechen. Da ich bereits im vergangenem Sommer dort Patientin war, kenne ich inzwischen die Abläufe und so hält sich mein Gedankensalat mit Horrorvorstellungen dieses Mal zum Glück zurück. Vor knapp einem Jahr sah das noch ganz anders aus, denn da bedeutete jeder Tag das Betreten völligen Neulandes und ich habe mich lange Zeit nicht im Klinikalltag eingliedern können. Als mein Kopf nach sechs Wochen endlich den Widerstand aufgab, waren die verbleibenden zwei Wochen wie im Fluge vergangen und auch wenn ich nun wie ein Schwamm in der Wüste verzweifelt versuchte alle Informationen in mich aufzusaugen, überwog doch am letzten Tag das große Gefühl des Versagens. Ich bin der Meinung, die Angebote der Klinik nicht wirklich genutzt zu haben, da mir meine Ängste zu lange im Wege standen. Deshalb steht nun Aufenthalt Nummer Zwei an.

Da sicherlich viele mit den Abläufen einer psychiatrischen Tagesklinik nicht sonderlich vertraut sind, möchte ich ein wenig von meinen Erfahrungen erzählen. Natürlich ist jeder Klinikalltag anders strukturiert und jeder Patient hat seine subjektiven Wahrnehmungen. Dies sind einfach meine Erinnerungen an acht sehr emotionale Wochen im Sommer 2015.

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Bevor der eigentliche Klinikaufenthalt beginnen kann, wird man zu einem Erstgespräch geladen.Hierfür braucht man eine Überweisung von einem Hausarzt. Ich hatte damals ziemliches Muffensausen vor diesem Gespräch, denn ich wusste im Vorfeld nicht, ob mein Gesprächspartner eine Frau oder ein Mann sein würde. Mit letzterem hätte ich ehrlich gesagt sehr große Probleme gehabt und im Kopf sah ich mich schon das ganze Vorhaben abbrechen, sollte wirklich ein Y-Chromosomenträger mit mir sprechen wollen. Dem war aber nicht so. Mich begrüßte eine nette Dame mittleren Alters und führte mich durch einen kleinen Garten in einen kleinen Anbau, vorbei an einigen Menschen, die draußen das Wetter genossen und sich unterhielten. Ich weiß, dass ich es damals als sehr unangenehm empfunden habe, diese anderen Menschen dort zu sehen. Oder viel mehr, dass sie mich sehen konnten. Das Schamgefühl sich gerade in einer psychiatrischen Einrichtung zu befinden ist wohl in jedem von uns so tief verankert, dass es immer wieder zum Vorschein kommt. Wenige Wochen später würde ich dort draußen stehen und Erstgesprächler mit gesenktem Kopf an mir vorbei ziehen sehen. Beim Erstgespräch selbst wurde die Lebensgeschichte grob abgefragt: Therapien, Klinikkaufenthalte, Selbstmordversuche, selbstverletzendes Verhalten und letztendlich auch die familiäre Situation wurden in Kurzform erzählt und vom Gegenüber notiert. Das ganze Gespräch über herrschte in meinem Kopf vor allem ein Hauptgedanke: Was, wenn du nicht kaputt genug bist? Wenn dir die Ärztin gleich ins Gesicht sagt, dass du dich einfach bloß anstellst und nur Ausreden suchst, um weiter in den Tag hinein zu leben? „Gute Frau, Sie sind nicht psychisch krank, Sie sind einfach nur willensschwach, arbeitsscheu und faul. Auf Wiedersehen.“ Statt der Befürchteten Ablehnung kam eine verfrühte Aufnahme in die Klinik wegen der Akutheit meiner psychischen Konstellation. „Bei dem was sie gerade erzählt haben, frage ich mich wie sie hier so aufrecht sitzen können und wirken als seien sie die Selbstsicherheit in Person.“ Man steckt eben die Energie in die falschen Dinge. Das Aufrechterhalten einer funktionierenden Fassade zum Beispiel. Aber egal, ich bekam meinen Starttermin mitgeteilt und hatte die erste Hürde somit bewältigt. Es fehlte nur noch ein Einweisungsformular meines Hausarztes. Mit 19 hat mich das Wort Einweisung noch geschockt, inzwischen hat es seine abschreckende Wirkung verloren.

Drei Wochen später saß ich um 7:45 Uhr in der Eingangshalle der Tagesklinik auf einer plüschigen Couch und wartete auf meine Bezugsperson. Da jemand kurzfristig erkrankt war, lief alles ein wenig chaotisch ab und so hatte ich nach 30 Minuten jeden noch so unwichtigen der ausgelegten Flyer bereits 3 Mal studiert, als mich endlich eine kurzhaarige Dame ansprach und mich in den Essensraum mitnahm. Es gibt in der Klinik 3 verschiedene Gruppen: A, B und C. Offiziell gibt es wohl keine Einteilung der Gruppen nach Diagnosen, allerdings war es schon auffallend, dass wir als Gruppe A eigentlich ausschließlich aus Depressiven und Angstgestörten bestanden. Zudem waren wir alle noch recht jung. An meinem ersten Morgen war allerdings erst eine Person meiner Gruppe anwesend und die hatte auch heute ihren letzten Kliniktag vor sich. Von meiner Bezugsperson bekam ich einen Wochenplan sowie einen Vertrag ausgehändigt, den ich bitte ausfüllen und im Büro abgeben sollte. In dem Vertrag ging es zum einen um die Entbindung der Schweigepflicht gegenüber meines Hausarztes, um meine späteren Entlassungspapiere ohne Probleme weiterreichen zu können, sowie um Notfallvereinbarungen, sollte ich in der Klinik zum Beispiel eine Panikattacke erleiden. Außerdem waren die Hausregeln aufgeführt und wie man sich im Krankheitsfall ordnungsgemäß abmelden sollte. Mir ist erst am vorletzten Klinikaufenthalt aufgefallen, dass ich diesen Vertrag nie im Büro abgegeben habe. Das habe ich dann noch schnell nachgeholt.

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Da aus meiner Gruppe noch immer keine weiteren Mitglieder am Tisch erschienen waren, studierte ich also meinen Wochenplan. Jeden Morgen wurde entweder Nordic Walking oder Yoga angeboten, anschließend gab es Frühstück und dann ging das individuelle Tagesprogramm los. Ich selbst war nicht einmal beim Yoga oder Walken und habe nur am Frühstück teilgenommen, wenn ich zum Küchendienst eingeteilt war. Alles in der Klinik beruht auf Freiwilligenbasis, einzig die einmal wöchentlichen Einzeltherpiesitzungen sollten wahrgenommen werden. Ansonsten steht es einem frei, Angebote anzunehmen oder fernzubleiben. Ich weiß, dass mir selbst am Anfang Druck von Außen in Form von einem Anwesenheitszwang gut getan hätte. Gegen Aufenthaltsende verstand ich allerdings, dass die Motivation aus dem eigenen Inneren kommen musste, sonst würden die Inhalte sowieso keinen fruchtbaren Boden vorfinden können.

Der Montag begann in meiner Gruppe mit der sogenannten Visite, in der man sich einzeln allen Ärzten der Klinik gegenüber findet und sagen soll, wie es einem geht. In der Regel dauerte dieses Gespräch keine 5 Minuten, ich selbst war eigentlich immer nach 2 Minuten wieder aus dem Raum raus, was allerdings auch daran gelegen haben mag, dass ich keine Medikamente einnehme. Bei Mitpatienten, mit Medikamentenkonsum wurden eventuelle Dosierungen und Nebenwirkungen in der Visite besprochen, wodurch es hier natürlich zu längeren Gesprächszeiten kommen konnte. Ich selbst empfand die Visite immer als unangenehm, da man wie auf dem Präsentierteller 4-7 Ärzten gegenüber saß.

Nach der Visite gab es die sogenannte Bezugsgruppe. Hierbei wurde unsere Gruppe in zwei Hälften geteilt und es stand 60 Minuten lang Gruppengespräch an. Zu Beginn meines Aufenthaltes lief es bei der Bezugsgruppe noch so ab, dass niemand etwas sagen musste. Es war absolut freiwillig. Da allerdings oft eine ziemliche Stille im Raum herrschte und sich oft immer dieselben Patienten öffneten, sollte nun jeder Gruppenteilnehmer ein paar Sätze zu seinem Gefühlszustand oder Erlebten erzählen. Natürlich war es auch hier absolut in Ordnung, wenn man nichts mitteilen wollte, allerdings musste dann eben dieser Zustand verbal geäußert werden. Ich habe an mehreren Tagen nicht mehr als „Ich bin froh, es heute aus dem Bett hierher geschafft zu haben. Mehr schaffe ich jetzt gerade nicht.“ über meinem Seelenleben preisgegeben. Überhaupt fielen mir die Gruppengespräche sehr schwer. Am ersten Tag erzählte ich recht frei von der Leber weg, dass meine Mutter mich mit 17 Jahren mit einem Messer unter Todesdrohungen durch die Wohnung verfolgte und ich mich in meinem Zimmer einschloss und, bereit zur Flucht, am geöffneten Fenster wartete, ob sie durch die Tür brechen würde. Das war wohl der Mut des Anfangs, jedenfalls war ich in der Gruppe nie wieder so mutig und habe wirklich persönliches von mir preisgegeben. Ich gab anderen Patienten Tipps, analysierte ihre Situationen und wollte ihnen tröstende Worte spenden, damit sie merken, dass sie nicht so alleine sind, wie sie sich laut ihren Erzählungen zu fühlen scheinen. Es waren alles so liebe Personen und keiner hatte es verdient, sich so zu fühlen wie sie es eben leider taten. Ich wollte mal wieder allen helfen, nur um mich nicht mit mir selbst zu befassen.

Das ich selbst Probleme hatte, merkte ich ja bereits daran, wie schwer es mir fiel mich in die Gruppe zu integrieren. Diese Gedanken, dass mich alle abstoßend finden würden hörten einfach nicht auf uns war ich in den Gruppentherapien nicht nur sehr leise, sondern auch in den Pausen und beim Essen sagte ich entweder gar nichts oder blieb einfach ganz weg. Das so die Kluft zwischen mir und meinen Gruppenmitgliedern nur noch größer wurde war mit natürlich bewusst, aber ich hatte die Kraft einfach nicht, um mein Verhalten wirklich zu ändern. Wie bereits erwähnt, bin ich erst in den letzten zwei Wochen wirklich fast den ganzen Tag in der Klinik geblieben und habe mich mit den Gruppenmitglieder unterhalten. Ich habe mir zwar immer noch jeden Satz 10 mal durch den Kopf gehen lassen und mindestens dreimal umformuliert bevor ich mit zitternder Stimme etwas heraus gebracht habe, aber es kam zumindest etwas von mir. Das war ja schon mal ein kleiner Fortschritt.

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Die Bezugsgruppe fand übrigens zweimal die Woche statt. Zusätzlich gab es noch die Gesprächsgruppe, auch zweimal die Woche. Hier war wieder die gesamte Gruppe zusammen und es gab pro Runde ein individuelles Thema, welches entweder von den Therapeuten vorgegeben wurde oder von der Gruppe selbst bestimmt werken konnte. Außerdem gab es hier immer noch sogenannte ‚Lockerungsspiele‘, bei denen man sich ein bisschen bewegen musste. Für mich war das ehrlich gesagt der totale Horror, da man sich bei den Spielen nicht zurücknehmen kann wie später in der Gesprächsrunde. Ich hatte so eine brutale Angst vor den Anderen etwas falsch machen zu können, dass ich am liebsten den Raum, ja das gesamte Gebäude verlassen hätte. Nicht umsonst habe ich nie am Sportunterricht teilgenommen, aber nun musste ich mich diesen Ängsten einfach stellen und ich habe es überlebt. Toll fand ich es trotzdem nicht.

Als Themen gab es in den 8 Wochen unter anderen den ‚Inneren Kritiker‚, das (Wieder)Wahrnehmen von positiven Außeneinflüssen wie Aromen, Tönen oder Oberflächen. Ich werde zu der Übung demnächst einen eigenen Blogeintrag verfassen, ich fand meine Ergebnisse damals recht interessant. Weitere Themen waren Abgrenzung, Beziehungen, Selbstliebe oder aber auch der Freitod. Besonders die Stunde zum Thema Selbstmord empfand ich als sehr ernüchternd, so waren wir doch eigentlich alle der Meinung, dass es sich oft einfach als einzige Lösung anfühlen würde und die Therapeuten kamen immer wieder mit dem selben Singsang a la „Es gibt immer Alternativen.“ herbei. Zu dieser Zeit war mir mein Leben wirklich ziemlich egal und wir hatten einen älteren Mann in unserer Gruppe, der oft genau das aussprach was ich in meinem Kopf dachte. Und es war nie etwas Positives oder gar Lebensbejahendes. Während ich ihm also zuhörte, wie er erzählte, dass ihm sein Leben egal sei und er nicht mal die Kraft aufbringen konnte es von selbst zu beenden und er stattdessen einfach ohne selbstschützende Verhaltensweisen die einzelnen Tage überstand (Dazu zählt ohne zu schauen die Straße zu überqueren, nicht zum Arzt zu gehen, nicht zu essen oder wie in seinem Falle: Eine Krebsdiagnose nicht behandeln zu lassen.), merkte ich, dass ich gerade immer weiter weg von einem Heilungswunsch abdriftete. Die Hoffnungslosigkeit wuchs mit jeder Sekunde und ich war immer überzeugter davon, dass all dieser Therapiekram doch nur Geldschneiderei ist. Vielleicht hilft es anderen, aber mir ja scheinbar nicht. Und einigen anderen der Gruppe ja offenbar auch nicht. Was sollte ich eigentlich noch hier?

Ich war an meinem absoluten Tiefpunkt angelangt: Alles war schwarz und ohne einen Funken Hoffnung und doch sollte es so kommen, dass ich genau an diesem Tag die Kraft fand, meine lebensgefährdende Einstellung mir selbst gegenüber zu ändern.

Direkt am Fenster, auf der mir gegenüberliegenden Raumseite saß eine junge Frau mit kurzen rosa Haaren. Sie weinte nicht, sie kämpfte aber sichtlich mit ihren Emotionen und ich hatte fest damit gerechnet, dass sich gleich einfach der nächste Gruppenteilnehmer verbal dem Leben entgegenstellen würde. Aber es kam anders. „Ich wünschte, ich könnte Euch diese Gedanken nehmen, diese Hoffnungslosigkeit. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist sich so zu fühlen und es macht mich so unfassbar traurig, dass es diese Art von Gedanken und Gefühlen überhaupt in Menschen geben kann.“ Der nächste Satz ging in einem unterdrückten Schluchzer unter und das Mädchen verließ abrupt den Raum und kam auch erst nach Stundenende wieder. Am nächsten Tag fehlte sie ganz, kam dann aber wieder zu uns zurück. Ich weiß nicht, was ihr passiert ist, dass das Thema Suizid diese Art von Reaktionen in ihr auslöst Ich kann mir nur zusammenreimen, dass sie vielleicht jemanden auf diese Art verloren haben könnte. Oder das sie einfach ein ganz wunderbar sensibler und emphatischer Mensch ist. Ich weiß nur, dass mich ihre Worte zurück ins Licht geführt haben, zurück zum Leben. Ich bin nicht alleine, auch wenn ich mich oft so fühle und allein die Vorstellung, eine meiner Freunde könnte durch meinen Tod selbst in mentales Ungleichgewicht geraten, ist unvorstellbar. Durch diesen inneren Dialog habe ich gemerkt, dass ich mir selbst scheinbar doch ein wenig Wert zugestehe. Ansonsten hätte ich wohl nicht mal in Erwägung gezogen, jemand könnte meine Abwesenheit als störend empfinden. Ich danke also der jungen Frau mit den farbenfrohen Haaren, dass sie mein Leben gerettet hat. Zumindest an diesem einen Tag.

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Im nächsten Artikel werde ich von den anderen Tagesklinik-Programmen schreiben. Musik und Ergotherapie zum Beispiel.

Die Gedichte stammen im Übrigen aus der Feder meiner besten Freundin. Ihre Worte geben mir immer wieder Mut und ich bin mehr als dankbar eine weise Eule wie sie an meiner Seite zu wissen.

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4 Kommentare zu „Tagesklinik, mein erster Aufenthalt 2015 (Teil 1)

  1. Ich finde es erstaunlich, wie unterschiedlich doch Tageskliniken sein können.
    Ich war vor 10 Jahren und vor 4 Jahren ebenfalls in einer Tagesklinik und meine Erfahrungen sind dabei leider gar nicht gut gewesen 😦

    Ganz im ernst, ich finde diesen Bericht von dir sehr mutig! Danke für deine offenen Worte und den Einblick in deine Erfahrungen 🙂

    Viele Grüße

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