Allgemein · Pfotenalltag

Hund auf der Flucht – Der fleischgewordene Alptraum

 

Vor einigen Tagen ist hier im Stadtteil ein Hund von einem Auto erfasst und so schwer verletzt worden, dass er diesen Zwischenfall leider nicht überlebt hat. Mich hat dieses traurige Ereignis an eine meiner rumänischen Pflegehunde erinnert und an viele Tage zwischen Hoffen und Bangen.

Im Sommer 2013 nahm ich Kontakt zu dem Verein „Pfotenhilfe ohne Grenzen e.V.“ auf, um wieder einen Pflegehund bei mir aufzunehmen. Die Sommerferien mussten ja gut genutzt werden. Der Erstkontakt sowie die Vorkontrolle liefen sehr gut, wobei ich nach der VK ehrlich gesagt dachte, dass ich nicht als PS angenommen werden würde, so streng wie die liebe Dame rüber kam. Aber ich bekam grünes Licht und mit dem nächsten Transport zog die junge Schäferhundmischlingshündin namens „Nicole“ bei mir ein. Sie war etwa 7 Monate alt und hatte ihr Leben größtenteils in einem Holzverschlag verbracht.

Nicole war sehr lieb und vorsichtig. Mit den Katzen kam sie sehr gut zurecht und auch mir gegenüber baute sie erstaunlich schnell Vertrauen auf. Draußen lief alles sehr langsam ab: Für eine 10 Minuten Runde um den Block brauchten wir anfangs fast eine Stunde. Sobald wir allerdings einen Wald oder Park erreicht hatten, schien ein Teil der Angst von Nicole abzufallen. Nach wenigen Wochen war sie regelrecht aufgeblüht und hatte nur noch vor Männern Angst und wir konnten mit ihr gemeinsam sogar einen Wildpark besuchen.

Und nach einiger Zeit kam auch schon die erste Interessentin zu Besuch. Eine ältere Dame mit Hundeerfahrung, die auch in Kiel wohnt. Alles passte und auch für Nicoles Ängst hatte die Frau Verständnis, wollte eine Hundeschule zur Unterstüzung besuchen und natürlich den Hund erstmal doppelt sichern. Nicole kam mit Panikgeschirr und Halsband damals zu mir. Ich selbst habe nach einiger Zeit auf die zweite Leine am Halsband verzichtet, weil ich sie bereits einschätzen konnte und eine Bindung aufgebaut hatte. Die neue Halterin sollte lieber auf Nummer sicher gehen. Die Vorkontrolle lief auch positiv und so brachte ich Nicole nach einem langen Abschiedspaziergang zu ihrer neuen Besitzerin. Alles war gut, wieder einen Pflegi erfolgreich vermittelt. Ferienziel erreicht (:

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Nicole beim ‚Katzentest‘ in Rumänien

Am nächsten morgen klingelte das Handy. Der Verein rief an. „Nicole ist der neuen Halterin entlaufen. Vor einigen Stunden. Sie wurde wohl auch von einem Auto angefahren.“ Ich bin sofort in den nächsten Bus und zur Wohnung der Halterin gefahren. Ich wurde dort bereits erwartet und wir sind, zusammen mit der Tochter der Besitzerin, zum Ort des Geschehens gelaufen. Nicole hatte sich wohl vor etwas erschreckt, sich gegen die Leine gestemmt und ist so aus dem Panikgeschirr entkommen. Warum nciht doppelt gesichert  oder bei Leinendruck nicht nachgegeben wurde – ich weiß es nicht. Ich lies mir die Gassirunde zeigen, die vor dem Vorfall zurückgelegt wurde und ging dann einmal alleine nach Nicole suchen. Ohne Erfolg. Mit einer großen Wut und Hilflosigkeit kehrte ich anschließend zur Wohnung der Halterin zurück. Dort besprach ich weitere Schritte mit dem Verein und lief danach wieder meine Runden. Der Verein erstellte Suchplakate und informierte alle wichtigen Stellen in Kiel – Verkehrsbetriebe, Polizei, Feuerweh, Tierheim, Tasso, die Abfallbetriebe.. Der Tag verlief leider ohne eine Sichtung von Nicole und ich fuhr abends gegen 22 Uhr wieder nach Hause, um sie nochmal im Internet als vermisst zu melden.

Am nächsten Morgen weckte mich ein Anruf auf dem Handy, ein Busfahrer hatte Nicole gesehen, wie sie über eine Straße rannte. Sie schien nicht groß verletzt zu sein. Ein Hoffnungsschimmer, denn nach der Aussage mit der Autokollision hatte ich beim Suchen draußen ehrlich gesagt die große Angst, dass sie sich zum Sterben ins Dickicht zurückzieht und nie gefunden wird. Ich drehte alle paar Stunden wieder meine Runden und verharrte sonst vor der Haustür der neuen Wohnung. In meinem eigenen Zuhause, nur 2 Stadtteile weiter, passte meine Mutter auf, falls Nicole sich auf den Weg dahin machen sollte. Was ich wirklich nicht hoffte, der Weg dahin über eine Bundesstraße führen würde..
Am Abend trafen dann 3 Damen von der Suchhundestaffel Nord ein und nahmen knappe 90 Minuten Nicoles Fährte auf – leider ohne Fund. Allerdings konnten die Spuren uns sagen, dass Nicole scheinbar das Gebiet um die Wohnung umkreist und zudem immer in den Straßen auftaucht, die ich auf meiner Suchroute ablief. Ich verweilte bis nach Mitternacht vor der Haustüre aus, bevor ich nach Hause aufbrach. Meine Strickjacke lies ich allerdings dort an meinem Warteplatz liegen, falls Nicole in die Nähe kommen sollte.

Um 4 Uhr morgens klingelte das Handy. „Sie ist wieder da.“ Nicole kam gegen 2:30 Uhr an der Wohnung an, schnüffelte an meiner Jacke und trug sie erstmal weg. (Ich fand sie später hinterm Haus wieder) Die Besitzerin und ihre Tochter schafften es dann anschließend nach 1,5 Stunden Geduld, die Hündin in die Wohnung zu locken. Ich war so unendlich erleichtert. Sie war wieder da und sie schien zumindest nicht schwer verletzt zu sein. Nach einer kleinen Mütze Schlaf, der in den letzten Tagen eindeutig zu kurz gekommen war, machte ich mich wieder auf den Weg. An der Haustür wurde mir gesagt, dass ich ganz leise und vorsichtig sein soll, Nicole hätte sich seit ihrer Ankunft unter der Couch verkrochen und käme nicht heraus. Als ich ins Wohnzimmer trat, kam mir allerdings sofort ein schwanzwedelnder und winselnder Hund entgegen. Da liefen bei mir die Tränen, die ich die ganze Zeit unterdrückt hatte.

Im Anschluss kam nochmal eine Frau vom Verein vorbei, um die weitere Vorgehensweise zu besprechen. Ich lies Nicole in der Zwischenzeit von einem TA durchchecken, aber außer einer Prellung der linken Schulter war sie zum Glück gesund. Als ich wieder kam, war entschieden der Halterin noch eine Chance zu geben. Fehler können jedem passieren und sie hatte sich während der ganzen Zeit wirklich sehr bemüht. Ich versicherte außerdem, dass wir uns regelmäßig treffen könnten und ich ihr bei Problemen oder Fragen jederzeit helfen würde. Und so lies ich nach einigen Stunden Nicole ein weiteres Mal dort zurück. Und diesmal fiel es mir so viel schwerer. Wie es in Nicole aussah möchte ich mir gar nicht erst vorstellen. An diesem Abend ahnte ich noch nicht, dass unsere Trennung nur von kurzer Dauer sein würde..

Am folgenden Mittag klingelte wieder das Handy und wieder war es der Verein. „Frau … möchte Nicole nicht behalten. Sie sagt, dass sie keine Beziehung zueinander haben und der Hund nur dich suchen würde.“ An dieser Stelle folgten eine ganze Menge Schimpfwörter und Hasstiraden; Was erwartet diese Frau denn bitte? Ich kenne den Hund seit Wochen und war der erste wirklich nette Mensch in ihrem Leben. Natürlich hat sie noch mehr Bindung zu mir und die Entlauf-Aktion hat das alles nur noch gefördert. Aber daran kann man doch arbeiten. Ein Hund lebt im Hier und Jetzt. Wenn die Frau Nicole einfach Futter, Geduld, Liebe und Zuneigung (und bitte auch in dieser Reihenfolge) entgegen bringt, stellt sich eine Beziehung ganz von selbst ein. Aber nein, der Hund muss ja scheinbar funktionieren.

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Nicole im Wildpark

Ich fuhr also mal wieder zu dieser Wohnung und holte Nicole ab. Es musste noch ein wenig Papierkram ausgefüllt werden und ich redete kein Wort mehr als nötig mit der Frau. „Ich weiß du bist sauer auf mich, aber Nicole gehört nicht zu mir. Es tut mir alles so Leid.“ Die Frau schenkte mir dann noch eine Dankeskarte mit wirklich sehr lieben Worten und eine ganze Menge Geld. Das Geld spendete ich größtenteils dem Verein. Wirklich verzeihen kann ich dieser Frau wohl nicht, aber ich denke, dass sie selbst an der Situation auch sehr zu knabbern hatte. Aber im Tierschutz geht es nicht um uns Menschen, sondern um die Hunde. Hunde, die wir aus elendigen Lebensbedingungen herausholen, um ihnen ein schöneres Leben zu zeigen. Nicht, um sie vor ein Auto laufen zu lassen oder wie einen Wanderpokal herum zu reichen.

Aufgrund Nicoles Schulterprellung quartierte ich mich nun erstmal in der Terassenwohnung meiner Mutter ein. Nicole war sehr ruhig und klebte förmlich an meinen Beinen. Mir grauste es vor der bevorstehenden Trennung Nummer 3 und so besprachen meine Mutter und ich, ob wir Nicole behalten könnten. Da Summer ja nun bei mir ist, ist bereits klar, dass wir uns dagegen entschieden haben. Das Timing passte einfach nicht und wir wären Nicole auf Dauer wohl nicht gerecht geworden. Es passte einfach nicht und aus Mitleid einen Hund zu adoptieren – viel verkehrtere Gründe gibt es gar nicht. Nach einer Woche kam eine neue Interessentin vorbei und es passte. Nicole hatte sogar Interesse an ihr und auch die Lebensumstände passten gut zu einer eher ängstlichen Hündin. Ich muss etwas wie eine Wahnsinnige rüber gekommen sein, weil ich sicherlich 10 Mal erwähnte, dass der Hund doppelt gesichert werden muss und man ihr einfach Zeit geben muss. Die Interessentin sah das alles aber zum Glück genauso.

Nicole wurde diesmal abgeholt. Ich hatte darum gebeten. Einfach ein Bruch des alten, scheinbar verhexten Musters. Nach einer Woche kam eine E-Mail vom Verein, in der von Nicoles Fortschritten im neuen Zuhause berichtet wurde.Und so wurde das ganze zum Glück noch ein Happyend, mit kleineren Umwegen.

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