Allgemein · Gedankenpottpurri

Das Problem mit der Selbstliebe

“That was the crux. You. Only you could work on you. Nobody could force you, and if you weren’t ready, then you weren’t ready, and no amount of open-armed encouragement was going to change that.”
Norah Vincent

Mein Lebenslauf ist ein Flickenteppich. Oder ein Schweizer Käse in Schriftformat. Schulabschluss, Lücke. Erster Ausbildungsversuch, Lücke. Zweiter Ausbildungsversuch, Lücke. Diesmal eine längere. Fachhochschulabschluss. Arbeit. In der darauffolgenden Lücke befinde ich mich gerade. Und hadere, wie ich dieses Muster endlich durchbrechen kann..

Die erste Psychologin lernte ich mit 15 kennen. Eine Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, zu der mich meine Mutter schickte, weil „es so nicht weitergehen kann“. Meine Eltern steckten mitten in der Scheidung, die Schule kannte mehr Atteste als geleistete Klausuren von mir und meine Arme wurden täglich von neuen roten Linien gezeichnet. Psychologische Hilfe von außen klang also, zumindest in der Theorie, durchaus nach einer sinnhaften Option. Theoretisch. Praktisch saß ich genaue 50, mit einer Eieruhr gezählte, Minuten in einem Ikea-Korbstuhl und sollte von meinen Träumen der vergangenen Woche erzählen. Nicht die Wunschvorstellungen oder Zukunftsgedanken, nein, die Rede war von den nächtlichen Bildern vor meinem inneren Auge. Sicher, ich glaube gerne, dass sich so einiges von unseren nächtlichen gedanklichen Exkursionen ableiten lässt, es quasi ein Tor zu unserem Unterwusstsein darstellen kann. Gerade bei Kindern und Jugendlichen. Mein klitzekleines Problem: Ich träumte nicht. Oder besser gesagt: Ich erinnerte mich nicht an sie. Das gesamte Therapiekonzept dieser Praxis war allerdings auf Traumdeutungen eingestellt und so saß ich tatsächlich Mittwoch für Mittwoch in diesem kleinen Zimmer, antwortet auf die Frage nach meinen Träumen, dass ich nicht geträumt hatte. „Dann schweigen wir bis du dich erinnerst.“ Aber ich erinnerte mich nicht, die Eieruhr durchbrach nach 50 Minuten die Stille und erlöste mich. Von Mal zu Mal machte ich mir immer Druck und letzendlich erfand ich Träume. Diese Stille war zu erdrückend geworden. Die fiktiven Träume passten laut meiner Ärztin sehr gut zu meiner Familie und der momentanen Problematik. Ach was, ehrlich? Vier Monate vergingen bevor ich mich schlichtweg weigerte die Therapie fortzusetzen. Mir ging es nicht besser, ich hatte lediglich gelernt, dass ich scheinbar nicht mal zu einer Therapie fähig war. Zumindest nicht als ICH mit meinen Gedanken, sondern bloß mit fiktiven Geschichten.

Im Anschluss habe ich alle Energie in das Verstecken meiner Gedanken, Gefühle und deren Auswirkungen auf meinen Körper gesteckt. Ich wollte nur noch funktionieren. Nicht für mich, sondern damit Familie und Freunde zufrieden mit mir waren und vor allem keine Fragen stellten. Mir geht es gut und wenn nicht, dann mache ich das mit mir aus. Mein Hausarzt hatte mehrfach zu weiteren Therapien geraten. Depressionen muss man behandeln. Das schaffe ich nicht alleine. Ach was, ich stelle mich einfach bloß an. Ich muss einfach nur weitermachen. Dies klappte mal besser, mal schlechter und als ich später das zweite Schuljahr der PTA-Ausbildung aufgrund zu vieler Fehlzeiten wiederholte, passierte etwas, das mir klar machte, dass ich nicht so weitermachen konnte: Robert Enke begang am 09.11.2009 Selbstmord. Und mir wurde bewusst, dass diese Krankheit tatsächlich töten konnte. Schon komisch, dass mir diese Vorstellung damals solch eine Angst bereitet hat, dass ich am folgenden Tag erst meinen Hausarzt und anschließend den Leiter meiner Ausbildungsschule anrief und um je eine Überweisung und eine Beurlaubung bat. Komisch deshalb, weil ich innerlich schon öfter an den Freitod gedacht habe und auch bereits 2 Versuche hinter mir hatte. Aber scheinbar wollte etwas in mir doch leben und zwar nicht mehr so, wie die letzten Jahre.

Die nächste Therapiestation war dann das ZIP – Zentrum für integrative Psychiatrie in Kiel. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch unter 25 Jahre alt war, kam ich recht schnell an einen Termin, die ich fortan einmal pro Woche für 50 Minuten traf. Jedes Gespräch begann und endete mit der Frage, welche Medikamente für mich die richtigen wären. Jedes Mal sagte ich, dass ich nicht denke, dass Tabletten mit helfen würden und mir bei dem Gedanken, diese Art von Pillen im Haus zu wissen, unwohl ist. Meine Psyche ist das, was sie eben ist, weil ich Dinge erlebt habe, die blumig gesagt alles andere als schön waren. Das muss ich zu verarbeiten lernen. Oder, wie in einigen meiner Erlebnisse, sie erstmal als das was sie eben waren erkennen, zulassen und bewerten, um sie letztendlich Loslassen zu können. Solange die Medikamente mir also keine plötzliche emotionale Erleuchtung bringen, werde ich keine nehmen. Es gibt mit Sicherheit Fälle in denen diese Pillen eine wunderbare Unterstützung und Hilfe bieten. Mir machten sie einfach Angst. Und Angst hatte ich bereits genug in meinem Leben, da muss im Rahmen einer Therapie keine neue hinzu kommen. Die Medikamentenproblematik war letztlich auch der Grund, warum ich nach 17 Wochen das ZIP nicht mehr von innen sah.

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„Leb‘ doch einfach wie alle anderen. Ohne dieses Drama.“ Das war mein neuer Fahrplan und so schrieb ich Bewerbungen und bekam schließlich einen Ausbildungsplatz als Rechtsanwaltsfachangestellte in Preetz. Meine Euphorie war riesig. Jetzt wird alles anders. Besser. Pustekuchen. Ich kam mit den anderen Azubis nicht wirklich zurecht, der Chef war oberflächlich und alles, was ich an einem Chef nicht wertschätzen konnte. Alle schoben Überstunden, für Freundlichkeit war schlichtweg keine Zeit. Ich versuchte auf der Arbeit zu funktionieren und fiel dadurch privat wieder in dunkle Muster zurück: Selbstverletzung, Selbstvernachlässigung, Suizidgedanken; das volle Programm. Ich wollte raus aus diesem Umfeld, diesem Betrieb und bewarb mich schließlich in einer anderen Kanzlei. Die meldete sich allerdings bei meinem Chef was bei uns denn verkehrt läuft, dass die Azubis schon fortlaufen wollen. Es folgte ein sehr lautes Gespräch, in dem mir gleich 3 Abmahnungen erteilt und ein Aufhebungsvertrag ‚angeboten‘ wurden. Eingeschüchtert, aber irgendwie auch erleichtert unterschrieb ich. Mein Vater erklärte mich am Folgetag für ‚dumm und realitätsfern‚. Der Kontakt brach  vorerst ab.
Mein Hausarzt riet wieder zu einer Therapie. Ich verneinte diesmal vehement. Nicht schon wieder. Wozu? Ich bekomm‘ scheinbar nichts hin und mein Selbstmitleid blendete mich damals zu sehr, um Hilfsangebote anzunehmen. Da ich nun arbeitslos war, wurde mir vom Jobcenter eine Maßnahme zugewiesen. Ich kenne ehrlich gesagt den Titel des Angebotes nicht mehr, aber ich weiß, dass meine Betreuerin Giovanna hieß und mir mit ihrer offen Art und ihrer verständnisvollen Art mehr geholfen hat als die Psychologen der Vorjahre. Wir sprachen über meine Stärken und Schwächen. Wünsche und Träume. Ängste und Abgründe. Von ihr kam die Idee zum Hund, was zu meiner ersten Pflegehündin Ingrid führte, die mich zu unseren Gesprächen natürlich begleiten durfte. Giovanna machte mir klar, das ich ein völlig verzerrtes Selbstbild besitze und gab mir die Hoffnung zurück, aus eigener Kraft etwas schaffen zu können. Träume nicht aufzugeben, sondern zu verfolgen. Und so begann ich im Folgejahr mein Abitur in Vollzeit nachzuholen, um später Biologie zu studieren. Vor zwei Jahren war ich noch einmal im Amt, um nach Giovanna zu fragen, aber leider ist sie nicht mehr dort angestellt. Ich hätte ihr gerne gesagt, wie sehr sie mir geholfen hat. Ich hoffe, sie weiß es trotzdem.

Wie schon gesagt, stand nun das Abitur auf dem Programm. Mit Mitte 20 nicht gerade der Standardweg Numero Uno, aber gut. Besser spät als nie oder wie sagt man so schön. Gleichzeitig fing ich in einem Hotel als Nachtportier an, um meinen geringen Bafögsatz auszugleichen. Die Schule machte Spaß, die Noten war sehr gut. Der Job durch die Arbeitszeit von 22:30 bis 7:00 Uhr mit anschließendem Schulunterricht bis teilweise 15:00 Uhr zwar anstrengend, aber völlig okay. Für einige Monate ging es mir wirklich gut. Und dann kamen sie wieder, diese Motivationstiefs, Schuldgedanken und Wertlosigkeitsgefühle gepaart mit einer endlos erscheinenden Hoffnungslosigkeit. Die Atteste mehrten sich und ich kam schlichtweg nicht mehr mit. Als dann noch mein Bafög komplett gestrichen und mir eine saftige Nachzahlung in Rechnung gestellt wurde, da mein Vater falsche Verdienstangaben getätigt hatte, gab ich innerlich auf. Bring’s irgendwie noch zuende, hat eine gute Freundin mir damals gesagt und so habe ich, mehr schlecht als recht, die Schule im Sommer mit dem Fachabitur verlassen. Aber was sollte ich damit? Die Noten waren viel schlechter als ich es hätte leisten können. Und Biologie kann ich auch nur mit dem Abitur studieren. Nein, diesen Traum musste ich wohl oder Übel loslassen und so fing ich im August eine Vollzeitstelle als Nachtportier an. Das Gehalt war nicht berauschend, aber man konnte davon leben. Außerdem sieht man nachts nicht viele Menschen, die Ansprüche sind nicht sonderlich hoch und: Ich konnte einen Hund mit zur Arbeit nehmen. Meine großen Zukunftsträume gab ich in diesem Sommer auf und erfüllte mir dafür einen anderen Herzenswunsch: Summer zog ein.

Mit Hund wurde vieles besser, leichter. Aber nur weil man jetzt selbst einen bunten Hund in den Armen hält, entlässt der ominöse schwarze Hund einen leider nicht automatisch aus seinen Pranken. Nach 8 Monaten Vollzeit in der Nachtarbeit vegetierte ich mehr denn je vor mich hin. Summer bewahrte mich davor, tagsüber gänzlich mit meinem Bett zu verschmelzen, aber das alte Gedankenmuster war bereits um die Weihnachtszeit wieder eingezogen und hielt sich penetrant in meinem Kopf fest. Diesmal würde ich aber nicht aufgeben. Das hatte ich mir fest vorgenommen. Durchhalten. Das musste der Schlüssel zum Glück sein, den ich bisher einfach noch nicht ausprobiert hatte. In der Nacht auf den 28. März 2015 änderte sich meine Einstellung. Ein Besucher der Hotelbar belästigte und bedrohte mich. „Ich werde dich verschleppen, vergewaltigen, aufschlitzen und verrotten lassen.“  Klar, als Nachtportier hört man schon so einiges, vorallem wenn das Hotel eine Bar besitzt und ich habe bisher für alle unangemessenen Gäste den passenden Spruch parat gehabt, aber diesmal war es anders. Als ich den Mann des Hauses verwies und mit der Polizei drohte, kam er hinter den Tresen, nahm den Gusseisenen Kerzenhalter und verprach „Ich zieh‘ dir das Ding über den Kopf und wir sind in ein paar Sekunden in meinem Auto. Das merkt niemand.“ Und ich wusste, er hatte Recht. Wir hatten keine Kameras, keinen Notfallknopf, die nächsten Hotelzimmer befanden sich 5 Stockwerke über der Lobby, die Hotelbar erst in der 10. Etage. Und so hielt ich ihn weiter mit Sprüchen hin, in der Hoffnung, dass er selbst gehen würde oder jemand kommt, den ich um Hilfe bitten konnte. Nach 30 langen Minuten verließ der Mann die Lobby mit den Worten, dass ich mich nirgentwo mehr sicher fühlen solle, irgentwann würde er mich erwischen und all das tun, was er mir versprochen hatte. Ich brach danach weinend an der Lobby zusammen und so fand mich morgens der Frühstücksdienst.

Seit diesem Tag bin ich krankgeschrieben.
Seit diesem Tag will ich mein Leben ins Positive drehen und kämpfe jeden Tag, mal aktiver, mal passiver, für ein besseres Leben. Und in diesem Prozess ist mir vorallem eines bewusst geworden: ICH muss mich für mich verändern wollen. Ich muss für mich gesund werden wollen. Nicht für meine Familie, nicht für meine Freunde, nicht für Anerkennung von Außen; nur für mich. Diese Erkenntnis ist das Ergebnis aus meinen Therapien von 2015: Ein 8 wöchiger Tagesklinik Aufenthalt sowie eine mehrmonatige Anschlussversorgung in der Psychiatrischen Institutsambulanz. Nebenher gab es noch die Diagnose der schweren episodischen Depression sowie einer Borderlinepersönlichkeitsstörung.

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Sich selbst anzunehmen und als Mensch wertzuschätzen, mit allen Schwächen, aber auch Stärken. Ich denke, das ist die Quitessenz, die mir bei all meinen bisherigen Selbstheilungsversuchen gefehlt hat. Ich bin etwas wert. Was genau, das versuche ich jetzt herauszufinden. Unterstützend werde ich mich wieder in therapeutische Hilfe begeben, weil ich jetzt endlich bereit bin, etwas für mich zu verändern und nicht bloss, um für die Außenwelt zu funktionieren.

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2 Kommentare zu „Das Problem mit der Selbstliebe

  1. puuuuh…
    Ich weiß gar nicht so recht, was ich dir schreiben könnte.

    Ich lese hier sehr gerne, bin in Gedanken bei dir und wünsche dir für deine Zukunft, dass sich alles zum Besseren wenden wird.

    Fühl dich gedrückt 🙂
    Alina

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