Allgemein · Gedankenpottpurri

„Und welche Sauce hatte die Lasagne?“

„Klick, klick, klick.“
Der Auslöser der Kamera rattert nur so vor sich hin, während sich in einigen Metern Entfernung die junge, blonde Frau mit einer geradezu mühelosen Anmut bewegt, dass ich einfach wie ferngesteuert die Kamera zwischen verschiedene Motiven umher schwenke und ihr fasziniert zuschaue. Alles wirkt so leicht, so selbstverständlich – so einfach. Ich fühle mich wohl hinter der Kamera zu stehen, still zu beobachten, wie die Atmosphäre mit jedem ‚Klick‘ der Kamera gelöster, die Posen verrückter und das Lächeln echter wirken. Wie sich direkt vor meinen Augen eine Entwicklung von zerfressender Unsicherheit zur ungefilterten Lebensfreude vollzieht. Und wie verdammt einfach das alles zu sein scheint.

Kamerawechsel.
Ich soll nun ‚posen‘. Ein paar Bewegungen machen. „Wie die Menschen auf den Bildern, die du schön findest.“ Es wirkte doch eben alles so leicht und plötzlich ist da nur noch Angst. Angst, es nicht hinzukriegen. Es doch auch gar nicht hinkriegen zu können. Nicht mit diesem Körper, diesem Gesicht. Ich fange also an abzulenken, herum zualbern. ‚Wenn ich es gar nicht erst versuche, erwartet auch niemand annehmbare Ergebnisse.‘ Meine omnipresente Lebenseinstellung. Ein in zahlreichen Stunden perfektionierter Abwehrmechanismus. Aber Jana weiß, wie wichtig es für mich ist, dass irgendetwas ‚Brauchbares‘ bei diesen Bildern dabei ist; dass bei bei den weit über hundert geschossenen Exemplaren ein paar Fotos etwas zeigen, was ich akzeptieren kann. Was ich eventuell als schön anerkenne. ‚Fototherapie‘ hat sie es neulich genannt.

Also geht es weiter. Und es wird besser. Wir reden über Lasagne und ich werde tatsächlich etwas unverkrampfter. Probiere einige Ideen aus und kann ein paar ehrliche Lacher nicht zurückhalten. Bis bei einem Motiv mein Rock hochrutscht und für einen kleinen Moment  blanke Panik einsetzt. Meine Beine. Niemand darf sie sehen. Meine allergrößte Achillessehne. Ich will nur noch weg, aber ich sitze gerade gute 2 Meter über dem Boden auf einem Ast fest und Jana darf selbstverständlich nichts von meiner Angst mitbekommen. Schwäche zeigt man nicht und wir sind hier schließlich, um Spaß zu haben. Ich will die Stimmung nicht verderben oder um Mitleid haschen. Nein, ich will gerade einfach nur raus aus dem Mittelpunkt, fort von der Aufmerksamkeit und weit weg vom Sucher des Autofokus.

Aber wie? Dafür müsste ich etwas sagen, eine Entscheidung treffen. ‚Nein‘ sagen. Alles Tätigkeiten, die ich lieber mit Hundertmeilenstiefeln umkreise als anzugehen. Aber muss ich mich hier wirklich so sehr fürchten? Ich bin hier mit einer Freundin; einer Person, die meine Ängste nicht nur aus Erzählungen und Offenbarungen kennt, sondern einige Aspekte sogar selbst nachempfinden kann. Also wage ich den Schritt und mit einem Sprung von Baum gehe ich auf sie zu und sage, dass es nun reicht. Klar, deutlich – einfach. Gespannt warte ich auf eine Reaktion, auf ein Unverständnis, Gegenargumente. „Du wolltest doch Fotos machen und nicht ich“ oder derartige Sätze rasen mir durch den Kopf. Aber Jana blickt mich nur an, gibt mir die Kamera und ruft dann nach unseren Hunden. Als wäre alles ganz normal, als wäre ich nicht gerade innerlich beinahe implodiert vor lauter Gedanken, vor lauter Ängsten. Alles ist gut. Einfach gut. Und ich bin in diesem Moment so froh, genau so eine Freundin gefunden zu haben, bei der ich ICH sein kann. Mit all den inneren Grenzen, an die ich momentan noch stoße.

Zuhause, nachdem ich mehrere Stunden mit Bildauswahl- und Bearbeitung zugebracht habe, frage ich mich immer wieder, ob es nicht egozentrische oder gar narzisstische Züge benötigt, ständig Fotos von sich Selbst haben zu wollen. So viel Energie zu investieren, nur um vielleicht in einigen Bildern etwas zu erkennen, das einen aufatmen lässt. „Sieht ja gar nicht so schlimm aus“ oder „Da mag ich mich sogar halbwegs leiden.“– Danach sucht man. Und mein Gott, wenn es mir doch Kraft gibt und vielleicht sogar hilft, am nächsten etwas länger dem Blick in den Spiegel standzuhalten, dann ist es vielleicht sogar okay.

Vielleicht ist es sogar gut.

(Diesen Text habe ich bereits letztes Jahr verfasst. Jana und ich gehen inzwischen leider größtenteils getrennte Wege, aber die positive Erinnerungen an diese Freundschaft möchte ich trotzdem nicht missen.)

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