Gedankenpottpurri

Das aufgeräumte Frauenzimmer

Ich sitze in Zimmer Nr. 4 meines Hausarztes. Mal wieder. Ich glaube in den letzten zehn Jahren habe ich die Räume dieser Praxis öfter gesehen als die Wohnungen einiger Freunde. Und meinen Arzt selbst um einiges häufiger als die Mehrzahl meiner Familienmitglieder.

Man kennt sich also. Es gibt hier kein belangloses Geplänker. Kein „Wie geht es Ihnen?“, sondern ein aufrichtiges „Halten Sie noch durch?“. Er weiß, dass er selbst mir nur beratend zur Seite stehen kann und mir die passenden Über- oder Einweisungen ausstellen kann. Oder wie heute einfach nur der leidige Zettelwahnsinn für das Krankengeld. Ich fühle mich dort wohl. Jedliche Scham hat sich über die Jahre ganz von selbst abgebaut und anschließend schlichtweg in Luft aufgelöst. Mit 15 bekam ich die erste Überweisung für eine ambulante Therapie, mit 19 die Einweisung in eine Psychiatrische Klinik. Es gibt nicht mehr die Grundsatzdiskussion, DAS man Hilfe braucht, sondern nur, auf welcher Art diese auszufallen hat. Vor gut einem Jahr endete eine Sprechstunde mit „Springen Sie einfach nicht von der nächsten Brücke, mehr will ich gar nicht von Ihnen. Ich muss ja auch noch weitermachen können..“

Im ersten Moment kam mir diese Aussage so unglaublich egoistisch vor, aber gleichzeitig gab mir diese Botschaft Kraft und auch Hoffnung. Ich bekomme nicht viel hin in meinem Leben, aber DAS sollte ich hinbekommen.  Und vielleicht ist das erstmal genug. Hierzubleiben. Es klingt so einfach. Schreibt sich noch viel einfacher, aber es wirklich zu verinnerlichen, daran arbeite ich noch. Das Leben so anzunehmen, wie es ist. Vergangenes loszulassen. Kein verdrängen, sondern verarbeiten. Pläne zu machen und mit Freude umzusetzen. Momente und Begegnungen zuzulassen, sie zu genießen und daraus Kraft für den nächsten Tag zu sammeln. Mein kleines, persönliches Utopia.

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Die Realität sieht – natürlich – anders aus. In letzter Zeit mehren sich die Tage an denen mein Hund der einzige Kommunikationspartner für mich war. Kein Telefonat, keine Verabredung. Nur „Nein, Sitz, Hier, Fuß“. Ich hasse diese Tage. Ich komme kaum aus dem Bett und wenn ich dann draußen umherlaufe, ertappe ich mich dabei, dass ich nicht zurück will. In diese leere Wohnung, diese  Monotonie, diese Stille. Diese Einsamkeit. „Schön wohnlich und gemütlich“ hab‘ ich die Wohnung auf anraten meiner Ärztin gesteltet. Mit vielen Bildern von Freunden, Lichterketten, Motivationssprüchen. Viele Kissen zieren das Bett und die Couch, damit man sich nicht sofort darin verliert und einem wieder bewusst wird, dass man hier eben nur alleine haust. Eine eigens geschaffene Illusion quasi. Ziemlich ernüchternd, wenn man darüber nachdenkt.

Und dann sind da Sätze wie dieser „Sie sind doch eigentlich so ein aufgeräumtes Frauenzimmer. Irgendwie muss man Sie doch wieder hinbekommen.“, die in mir den Zwiespalt auslösen, ob ich nun stolz auf meine scheinbar funktionierende Fassade sein soll oder angewidert, weil ich meine Energie offenbar an der verkehrten Baustelle verschwende.  Oder ob ich es einfach so stehen lasse und akzeptiere, dass ich vielleicht doch gar nicht so verkehrt bin, wie ich mich eben oft fühle..

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3 Kommentare zu „Das aufgeräumte Frauenzimmer

  1. Hallo Anna!

    Ich finde es sehr mutig von dir, so öffentlich über deine Krankheit zu sprechen, das trauen sich mit Sicherheit nicht viele!
    Vielleicht machst du so Gleichgesinnten Mut auf Besserung 🙂
    Ich jedenfalls werde hier häufiger reinschauen! 🙂
    Ps: du kannst echt richtig toll schreiben. Liest sich wie ein Roman ♡
    Ganz liebe Grüße von Alina

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Alina,
      vielen lieben Dank für deine Worte. Ich wollte schon vor einem Jahr mit einem Blog dieser Art anfangen, aber damals hat mich immer wieder der Mut verlassen über Summer oder auch meine Krankheit zu schreiben. Scheinbar hat die Therapie schon wein bisschen was bewirkt (:
      Ich habe deinen Blog auch schon etwas durchstöbert und werde jetzt aufgrund deiner Berichte das Futter von Hund und Katze hier umstellen. Deine Berichte haben mich dann doch zum Umdenken bewegt, danke dafür.
      Liebe Grüße, Anna

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  2. Hallo!

    Habe so eben mal ein wenig in deinem Blog gestöbert. Wirklich sehr schön bisher und toll geschriebene Artikel hast du schon. Ich mag deinen Stil schon jetzt. Toll, dass du den Mut zum schreiben doch noch gefasst hast!
    Ich freue mich auf mehr!

    Liebe Grüße,
    Vicky mit Beagle Timmy

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